Bowls – Gegessen wird, was in die Schüssel kommt

Instagram und Pinterest sind voll davon: Gut ausgeleuchtete Fotos von gesunder Kost kunstvoll in Schalen arrangiert. Wie funktioniert Bowl Food? Und vor allem: Warum?


Die Schüssel zum Glück?

Das Prinzip einer Bowl ist denkbar einfach: Gegessen wird aus Schüsseln, befüllt nach dem Baukastenprinzip: Zuunterst eine kohlenhydratreiche Basis wie Nudeln, Couscous, Reis oder Kartoffeln, gefolgt von Gemüse und einer Eiweißkomponente, in der Regel Fleisch, Fisch, Tofu oder Hülsenfrüchte. Wichtig dabei: Die Zutaten werden nicht vermischt. Ein Dressing, Dip oder eine Soße verbinden die Schichten. Zuoberst kommt ein Topping aus Kräutern, Nüssen oder Samen.
Die Idee ist, dass sich in der Schüssel ganz viele unterschiedliche Texturen, Geschmäcker und Aromen miteinander vereinen.

Wann dürfen wir endlich wieder von Tellern essen?

Jedes hippe Essen wird nur noch Instagram- und mundgerecht in Müslischalen serviert. Dabei ist der Bowl-Trend ein Rückschritt der Esskultur! Warum es Zeit für die Rückkehr richtiger Teller wird.
Als der Trend mit den Schüsselgerichten aufkam, war es so wie bei allen Neuheiten: Übereuphorie breitete sich aus. „Was ein Hype“, „Muss ich auch machen“, „Schmeißt alle Teller aus den Schränken“ müssen sich die „Early Adopters“ gedacht haben, so werden hippe Trend-Pioniere von Marktforschern genannt. Denn mit einem Schlag war die Schale überall. Sie löste sogar das Einmachgläschen als Trendgefäß ab. In diesem wurden nämlich bis dahin in angesagten Lokalen und auf Events mit Vorliebe Birchermüslis und schlürfgerechte Suppen serviert.

Schön aufgeräumt in der Schüssel

Diese Unordnung im Einmachglas gefiel dem Hipster natürlich nur bedingt. Wer bei Instagram-Fotos auf Symmetrie steht, der mag es auch beim Essen gerne aufgeräumt. Die Schüssel kam da wie gerufen. In den Tiefen der Schüssel kann man nicht nur hervorragend die gemeinen Kohlenhydrate von Nudel bis Reis verstecken, die sich ohnehin auf dem Instagram Account nicht sonderlich gut machen. Zu sehen sind nur fein säuberlich filetierte Avocados, Beeren und ein paar Spiralen von Gemüse.


Kein Mittagessen ohne Instagram-Ruhm

Denn das ist ja, worum es heute eigentlich beim Lunch geht: Viele Likes ersetzen das Sättigungsgefühl. Als Kind war ich persönlich ja schon stolz, wenn ich in meiner Buchstabensuppe so viel Überblick hatte, um mit vier oder, wenn es gut läuft, fünf Buchstaben ein existierendes Wort zu legen. Hätte man damals nur schon Instagram gehabt, denn aus mittlerweile nachvollziehbaren Gründen war die Begeisterung meiner Eltern überschaubar.
Wem es geht wie mir, der kann jetzt mit seiner #powerbowl auf Instagram all die bisher schmerzlich vermisste Anerkennung für Food-Arrangements nachholen. Denn bei der Bowl ist alles im Blick und so akkurat angeordnet, dass das Herz eines jeden Ordnungsfanatikers einen Freudensprung macht. Das gibt auch Herzen auf dem Instagram-Account.

Und nach was schmeckt das eigentlich alles?

Nicht falsch verstehen, die Bowls schmecken ja. Mir auch. Nur eigentlich nach was? Bei Gerichten auf einem Teller kann man genau ausmachen, mit was man es jetzt gleich zu tun haben wird: Fleisch, Beilage, Gemüse oder Soße. Bei einer Bowl hingegen: War das jetzt ein Apfel oder eine Kartoffel? Oder doch Feta? Und alles ist nach ein paar Bissen so durchgemischt, dass es zwar auf seine eigene Weise lecker ist, aber eben ein undefinierbares Potpourri im Mund ergibt. Erinnert an das Konzept “Hipp-Gläschen“. Fest steht, man kann alles in die Schüssel werfen, egal ob die Kreation eigentlich zusammenpasst oder nicht. Mit Verlaub gesagt, früher sagten wir dazu „Resteessen“.

Das Ende der Esskultur?

Es gibt natürlich Dinge, die gehören in Schüsseln. Müslis, Suppen und eben alles, was ohne Rand davonlaufen kann. Aber vor allem Salate können meines Wissens nicht davonlaufen. Oder Quinoa. Oder Kichererbsen. Zum Erwachsenenleben gehört der Gebrauch eines Tellers eben unvermeidbar dazu.

Marktforschungsunternehmen rechtfertigen den Hype um Schüsseln übrigens gern mit ominösen Studien, nach denen das Essen aus einer Schüssel glücklicher mache. Mich nicht. Eine weitere Studie der Oxford Universität behauptet, dass man mit dem Essen aus einer eckigen Schüssel sogar abnehmen würde – weil man aus einer Schüssel ja im Stehen essen könne. Oder so ähnlich. Lassen Sie das bitte nicht die Trendsetter hören. Sonst werde ich an dieser Stelle bald zusätzlich zur Sehnsucht nach dem guten, alten Teller auch eine Vermisstenanzeige zu Sitzmöglichkeiten in Restaurants verfassen müssen.

Aber ich will ja kein Spielverderber sein… und eine gewisse Portion Humor schmeckt ja auch aus der Schale. Wer jetzt doch Lust auf eine Bowl bekommen hat dann bitte sehr, ein leckeres Bowl Rezept:

Avocado-Lachs mit Reis Zutaten:

1 Tasse Reis, 1 Handvoll Blattsalat, ca. 2 Avocados, 1 Packung geräucherten Lachs, 1 TL Sesam, Essig, Öl, Sojasoße, Salz und Pfeffer

Kochen Sie den Reis und richten ihn zusammen mit dem gewaschenen Blattsalat in der Schüssel an.
Danach halbieren Sie die Avocado, schälen diese und schneiden das Fruchtfleisch in Streifen. Schichten Sie die Avocado auf den Reis.
Schneiden Sie den geräucherten Lachs mundgerecht und legen den Fisch auf die Avocados. Garnieren Sie alles mit Sesam.
Zuletzt geben Sie Öl dazu und würzen das Gericht mit Essig, Salz, Pfeffer und Sojasoße.

PS: Achtung! Man kann dieses Gericht aus der Bowl und auch vom Teller essen.